Neuigkeiten - Mit Zen zum gelassenen Redner

Mit Zen zum gelassenen Redner

Von Fleur Sakura Wöss

Tiefe Gelassenheit, Dynamik und Konzentration sind der Schlüssel zu einem souveränen Auftritt. Seit Jahrtausenden erprobt, ist Zen ein Weg, störenden Gedankenmüll loszuwerden und dadurch gebundene Kräfte freizusetzen.

Stellen Sie sich vor Sie stehen auf der Bühne. Sie wissen: jetzt ist der Moment, alles zu geben. Nicht früher, nicht später, sondern jetzt.

Wie sieht es in diesem Moment in Ihrem Inneren aus?

Spüren Sie den inneren Druck mit den unvermeidlichen Selbstgesprächen: „Wie war doch mein erster Satz, ist die Tonanlage wirklich ok, werde ich den Faden verlieren, sitzt in der ersten Reihe wieder einmal einer, der mit dem Nachbarn quatscht?“

Oder fühlen Sie in diesem Moment die innere, unumstössliche Sicherheit „mir kann nichts passieren“ und die Freude, innerlich die Arme auszubreiten und die Menschen freudig willkommen zu heissen? Die Schwingen auszubreiten und zu fliegen? Mit dem „Flow“, der Ihre Zuhörer unweigerlich mitreisst?

Zwei Szenarien. Beide sind möglich. Beide kennen Sie

Auch ich bin als Rednerin schon in beiden Situationen gewesen.

Seit ich denken kann, war jeder Auftritt eine Herausforderung. Immer war dieser innere Druck da. Ein riesengrosser Stress. Der feste Entschluss: „Das tue ich mir nicht mehr an“, bis dann die Anerkennung danach mich wieder auf die rosa Wolke sieben befördert hat. Doch der Stress war riesengross.

Dann begann ich, mein jahrzehntelanges Interesse an der Zen Meditation in die tägliche meditative Praxis umzusetzen.

Ich begann also mit der Praxis, zuerst zögerlich, dann mit immer mehr Eifer und Ausdauer. Zen-Praxis, das bedeutet, jeden Tag sich auf Matte und Kissen hinzusetzen und den Atem zu beobachten, zur Ruhe zu kommen, das Ein- und Aus des eigenen Atems einfach zu spüren, anzusehen und wahrzunehmen. Manche Tage tue ich das eine Stunde lang, häufig länger. Diese tägliche Praxis hat in meinem Leben zu vielen kleinen Veränderungen geführt und zu einer großen in meinem Rednerleben.

Wenn ich heute als Rednerin auf der Bühne stehe, muss ich genauso gut vorbereitet sein wie eh und je und ich spüre auch die Anspannung. Das ist nicht anders als vorher. Der Unterschied ist: ICH bin anders. Ich habe die Stille eines tiefen Bergsees in mir und die Grundsicherheit: Es kann mir nichts passieren. Man kann dies einfach Gelassenheit nennen oder auch die innere Verbindung mit meinem Urvertrauen.

Ein Vergleich soll den Unterschied verdeutlichen. Stellen Sie sich einen seichten Steppensee vor, z.B. den Neusiedlersee im äussersten Osten Österreichs. Er ist an den meisten Stellen nur einen Meter tief. Gesetzt den Fall, ein Sturm kommt auf. Der starke Wind wühlt den See so sehr auf, dass der ganze Schlamm das Wasser des Sees durch und durch durchdringt. Was bleibt ist eine einzige braune Brühe! So ist das, wenn im Kopf das Chaos herrscht und die Nervosität vor dem Auftritt einem den Verstand und die Energie raubt.

Und jetzt denken Sie an einen tiefen, klaren Gebirgssee, z.B. den tiefsten See Deutschlands, den Walchensee mit 200 Meter Tiefe. 200 Meter glasklares Wasser. Wenn dort ein Sturm die Wasseroberfläche aufwühlt, dann ist das ein Meter Unruhe und darunter 199 Meter Stille, die davon nicht betroffen sind. Diese 199 Meter stille Gelassenheit sind in den vielen Stunden der Meditation vor dem Sturm entstanden.

Heute habe ich durch tägliches Zen-Konzentrationstraining 199 Meter Sicherheit in mir, eine gelassene Unerschütterlichkeit auf der ich innerlich sitze, wie auf einem weichen Kissen.

Zen hat nicht nur viel für mich persönlich bewirkt, es hat vor allem auch meinen Blick auf den Auftritt und die Person des Redners geschärft. Lassen Sie mich Ihnen daher nachfolgend einige Gedanken und Tipps mitgeben, die aus meiner Zen-Praxis gewachsen sind.

Gedanken zerstreuen

In meinen Seminaren ermuntere ich die Teilnehmer, bei einem kurzen Experiment mitzumachen. Es dauert nur eine Minute. Sie können es auch gleich probieren.

Stellen Sie auf Ihrem Handy den Countdown auf eine Minute, setzen Sie sich hin und schliessen Sie die Augen. Tun Sie eine Minute lang NICHTS.

Nach einer Minute öffnen Sie die Augen. Lassen Sie die Minute noch einmal vorbeiziehen. Woran haben Sie gedacht? Wie viele Gedanken waren da in nur einer Minute?

Meistens liegt die Anzahl der Gedanken zwischen 10 und 30. Rechnen Sie den Mittelwert auf den ganzen Tag hoch, dann sind es 20.000 Gedanken, die an einem Tag – von Ihrem Bewußtsein ziemlich unbemerkt – durch Ihren Kopf wandern.

Gewöhnlich sind es assoziative Gedankenreihen, lose miteinander verknüpft. In Asien spricht man von Affen, die sich von einer Liane zur anderen schwingen. Wie die Affen führt ein Gedanke zum nächsten, viele davon nur am Rande des Bewußtseins, also vollkommen unbemerkt.

Genauso geht es jedem Redner vor seinem Auftritt, auch Ihnen. Die letzte halbe Stunde vor Ihrer Rede denken Sie – statistisch gesehen – ca. 600 Gedanken. Es könnten solche sein:

Der Vorredner überzieht die Zeit, was kann ich da kürzen…?

Diese eine Passage mit der Geschichte, die ich darstelle, die habe ich schon längere Zeit nicht auf der Bühne vorgeführt, die muss ich noch schnell im Kopf durchgehen, um die Pausen richtig zu setzen….

Es ist ganz normal, dass Sie vor einem Auftritt viele Gedanken im Kopf haben. Aber: Diese Gedankenfetzen sind eine andauernde Geräuschkulisse und führen ein Eigenleben. Statt dass Sie sich auf Ihren Inhalt konzentrieren, ziehen die Gedanken sie in eine andere Richtung. Sie beeinflussen Sie. Sie sind nicht Herr in Ihrem Kopf! Und es bedeutet: Sie denken nicht, SIE WERDEN GEDACHT.

In Zeiten, in denen Sie vor einem Auftritt unter Stress stehen, hängen sich noch Emotionen an manche Gedanken an. Diese emotionalen Gedanken ziehen in verschiedene Richtungen und bringen Sie ganz aus Ihrer Konzentration.

Stellen Sie sich ein Ruderboot vor. Die acht Ruderer, die im Boot sitzen, sind Ihre Gedanken. Im Stress rudern sie meist in verschiedene Richtungen. Der eine sagt: „Sitzt die Hose richtig?“ Der andere: „ Und den einen Punkt darf ich nicht vergessen“, der dritte: „ Habe ich die eine Folie rausgetan?“

Die Gedanken sind ganz durcheinander. Wären Sie eine Rudermannschaft, dann käme sie nicht einen Meter voran: Das Boot würde stark ins Schwanken geraten und Sie hätten alle Hände zu tun, um gerade das Boot vor dem Kentern zu bewahren. Fühlen Sie sich nicht oft genau so vor einer schwierigen Vortragssituation?

Hätten Sie gelernt, die störenden Gedanken loszulassen, hätten Sie enorm viel Energie für Ihren eigentlichen Fokus, nämlich das Publikum in Ihren Bann zu ziehen. Gerade am Start ist diese Anfangsenergie besonders wichtig, denn auch in den Köpfen der Menschen herrscht Chaos. Sie denken noch an den Verkehrstau bei der Herfahrt, an den Streit mit dem Partner beim Frühstück oder die schlechten Noten ihres pubertierenden Sohnes.

Wie ist es möglich, in die Geräuschkulisse des Kopfes einzugreifen? Herr im eigenen Hause zu werden?

Eines möchte ich vorweg klarstellen. Es ist nicht möglich, Gedanken loszulassen in dem Sie sich denken: „Jetzt lasse ich Gedanken los“. Ebensowenig wie es möglich ist, keine Gedanken zu haben. Der Trick ist, Ihre geistige und körperliche Energie zu bündeln ist, die Konzentration auf eine Sache zu lenken. Diese Sache muss möglichst einfach sein, um die Konzentration zu erleichtern. Am besten ist der Atem. Die Grundübung im Zen ist es, sich in gerader Haltung hinzusetzen und sich auf den Atem zu konzentrieren. Auf nichts anderes. Sie richten den Geist auf den Einatem, sie richten den Geist auf den Ausatem. Nach einem oder zwei Atemzügen merken Sie, dass störende Gedanken durch Ihren Geist spazieren. Und dann hängt sich noch ein Gedanke dran und dann noch einer. Erst spät bemerken Sie, dass Sie fortgetragen worden sind. Dann kehren Sie einfach wieder zu Ihrer Atemübung zurück.

Die Basisübung im Zen ist so einfach, wenn wir darüber lesen, doch so schwer, wenn wir es tun. Es gibt viele andere Übungen im Zen, doch diese Basisübung verändert das Leben. Sie verbindet Geist und Körper, das bewußte Denken mit dem Unbewußten.

Den Geist durch den Körper betreten

Im Osten beschäftigt man sich seit Jahrtausenden mit der Innenwelt, mit der Erforschung des menschlichen Geistes. Viele Yogis und Zen-Meister haben ihre Beobachtungen über den Geist und sein Wirken an ihre Schüler und diese wiederum an ihre Schüler weitergegeben. Auf diese Weise haben sie einen reichen Erfahrungsschatz gesammelt und viele Geistesübungen entwickelt.

Die Grundlage aller dieser Übungen ist die Konzentration des Körpers UND des Geistes. Da gibt es keine Unterscheidung. Geist und Körper sind eine Einheit. Der Geist ist durch den Körper beeinflussbar, der Körper durch den Geist. Wenn Sie daher Ihre Energie sammeln und fokussieren wollen und von der Zerstreutheit der Gedanken wegkommen wollen, dann sollten Sie das über den Körper tun. Die Methode heisst: Sie beginnen mit dem Körper und der Geist wird folgen.

Konzentration auf die Mitte

Der ferne Osten sieht das Zentrum des Menschen nicht im Kopf sondern unterhalb des Nabels. Das bezeichnet man in Ostasien als Hara und meint damit den Schwerpunkt des Menschen, seine Erdung, sein Zentrum. Er ist der Mittelpunkt der Kraft, der Energie und der Integrität des Menschen. Der Hara liegt etwa drei Fingerbreit unter dem Nabel in der Mitte des Körpers. Stärkt man den Unterbauch, so die fernöstliche Philosophie, dann kommt man in seine Mitte, dann ist man DA.

Ob es in den Kampfkünsten Japans ist, wie in der Schwertkunst, im Judo oder im Karate, oder in den Darstellungskünsten wie im Nō -Theater, immer geht das Gleichgewicht des GANZEN Menschen vom Hara aus.

Mit fortwährender Übung können Sie die körperliche Empfindung dieser inneren Mitte, des Hara entwickeln. Dadurch entsteht ein Gefühl der Stärke, eines Erdungspunktes. Der Hara ist wie ein innerer Anker, an dem Sie sich in schwierigen Situationen anhalten können. Wenn Ihre Gedanken Sie von Ihrem Redefokus abzubringen drohen, dann denken Sie an diesen Hara-Schwerpunkt – einige Übung vorausgesetzt – und sind in voller Konzentration in diesem Moment, standfest, in der Mitte, in der Einheit mit sich selbst.

Im Japanischen bedeutet ein „Hara no aru hito“, ein Mensch mit Hara, ein Mensch mit Mitte. Ein „Mensch ohne Mitte“ ist jemand, der leicht aus dem Lot kommt, einer, dem die Mitte fehlt.

Hara zu trainieren geht einher mit einer differenzierteren Wahrnehmung der Beine und der Füsse. Ruht man im Hara, dann sind die Beine nicht durchgestreckt, sondern die Knie locker. So stehen Sie sicher und geerdet.

Die Füsse – fest auf der Erde

Wie sicher stehen Sie auf Ihren Füssen? Wir sprechen vom sicheren Auftreten eines Menschen und vergessen oft dabei, dass es diese physische Komponente des „Auftretens“ ist, die dem Auftreten die Sicherheit und den Halt gibt.

Die Grundlage des Auftritts sind die Füsse. Um sicher aufzutreten, ist es notwendig, die Füsse mit dem sicheren Untergrund, mit der Erde zu verbinden. Bleiben Sie auch mit Ihren Gedanken in diesem Moment. Die meiste Zeit sind wir nicht da in diesem Moment, sondern in der Zukunft.

Schuhe sind für die Erdung und Wahrnehmung hinderlich. Um das Bewußtsein in die Füsse hineinzubringen, ist es hilfreich, die Schuhe auszuziehen und barfuß „aufzutreten“. Barfuss „begreifen“ Sie den Boden, hören den Hall und spüren mit dem ganzen Körper, dass die Füße Sie tragen, dass Sie sich auf sie verlassen können.

In vielen Vortragssituationen stehen die Vortragenden auf einer erhöhten Bühne. Dort sieht das Publikum ganz genau, ob Sie sich sicher fühlen oder nicht. Sind Sie auf der Bühne mit tausenderlei Gedanken beschäftigt. , entzieht das Ihren Füssen den Halt. Sie wirken unsicher, kraftlos und ohne „Standpunkt“.

Achten Sie daher auf die Füsse. Gehen Sie zur Übung barfuss und konzentrieren Sie sich bei jedem Schritt auf den Kontakt Ihrer Fußsohlen mit der Erde. Lassen Sie sich nicht von Ihren Gedanken forttragen! Konzentrieren Sie sich: Sie heben das Bein und setzen den Fuss auf. Spüren Sie diese Kontaktaufnahme. Fühlen Sie die Temperatur und die Beschaffenheit des Bodens. Fünf Minuten jeden Tag reichen für diese Konzentrationsübung. Es sind die fünf wichtigsten Minuten des Tages! Sie werden merken, dass Sie Kraft aus dem Boden schöpfen und jeden Tag sicherer auf Ihren Beinen stehen.

Trainieren Sie täglich

Im Zen und allen von Zen beeinflussten Künsten ist das tägliche Training das Um und Auf. So wie Sie essen und schlafen, ist das tägliche Konzentrationstraining ein Teil des Lebens. Training bedeutet hier eine Praxis des Körpers UND des Geistes als eine Einheit. Der japanische Begriff für diese Art des Lernens ist shūgyō. Shū bedeutet „meistern“, gyō heisst „praktizieren“. Man praktiziert so lange, bis es ein Teil der eigenen Person ist.

Profiredner üben, indem sie jeden Tag mit den gleichen Inhalten auftreten. So üben sie im Sinne von shūgyō (und bekommen dafür noch bezahlt). Schauspieler üben so eine Rolle ein. Pianisten üben jeden Tag acht Stunden.

Nur das tägliche Konzentrationstraining programmiert jede Zelle Ihres Körpers, Störendes loszulassen und den Blick für das Wesentliche zu schärfen.

Hunderprozentiger Redefokus

Grundsätzlich gilt: Je mehr Ihre Aufmerksamkeit nur auf den Akt des Redens gerichtet ist, desto stärker ist Ihre Ausstrahlung.

Am stärksten wirken Sie ganz ohne Skript, Folien und sonstige Hilfsmittel.

Dazu braucht es eine gute Portion Selbstvertrauen und Sicherheit. Denn es bedeutet, dass Sie die einzige Visualisierung sind. Es ist zwar ein Hochseilakt ohne Sicherheitsnetz, doch so behalten Sie Ihren Redefokus. Gleichzeitig haben Sie die vollkommene Freiheit über die Situation und die Gewissheit, dass nur Sie gesehen werden – und nicht die Folie, nicht die Flipchart und sonstige Requisiten, die auf der Bühne zwecks Visualisierung herumstehen.

Viele Redner meinen jedoch Krücken zu brauchen, um etwas zu veranschaulichen oder um zu wissen wie es weitergeht. Alle diese äusseren Dinge nehmen einen Teil ihrer Aufmerksamkeit in Anspruch, der dem Entwickeln ihrer Gedanken einen Teil der Kraft entzieht.

Weniger bringt mehr

 Verzichten Sie daher auf äussere Hilfsmittel. Sie rauben Ihnen den Redefokus. Die klassischen Fokusräuber sind:

Das Manuskript

Das Manuskript bildet eine Barriere zwischen Ihnen und dem was Sie sagen wollen. Der Vorgang des Lesens lenkt von den eigenen inneren Bildern ab. Ihre Aufmerksamkeit ist beschäftigt mit dem Lesen und danach mit dem Decodieren der Schrift. Sie müssen erst das Gelesene in das Erlebte und Gefühlte „übersetzen“. Sie werden abgelenkt.

Besuchen Sie Konzerte mit klassischer Musik? Können Sie sich vorstellen, dass ein hervorragender Dirigent wie Simon Rattle die 5. Sinfonie von Beethoven dirigiert und dabei seinen Kopf in die Partitur steckt? Nein, er hat die Arbeit des „Übersetzens“ – der Umsetzung der Noten in innere musikalische Bilder schon längst vollzogen! Nur durch diese geniale Übersetzung findet seine Musik direkt in das Herz der Zuhörer.

Powerpointfolien

Folien sind das größte Hemmnis für gute Redner. Um gut zu Folien zu sprechen, brauchen Sie genauso viel Zeit wie ein Schauspieler zum Erlernen einer neuen Rolle. Ein Schauspieler muss zuerst seinen Text auswendig lernen. Das ist die Voraussetzung. Danach muss er in die Rolle hineinschlüpfen, d.h. jene Gefühle in sich finden, sie empfinden und damit auch ausdrücken, bis sie mit ihm eins werden. Dazu brauchen Schauspieler mindestens ein Monat bis sechs Wochen.

Selbst wenn Sie ein Monat lang Tag und Nacht proben und ihren Folienvortrag im Schlaf können, werden Sie für einen Moment aus ihrem Redefluss gerissen, wenn Sie nur kurz denken:„weiterklicken“. Noch etwas kommt dazu: Das Abspielen von Folien hat eine lineare Logik. Eine Folie kommt nach der anderen. Unser Denken entwickelt sich jedoch anders. Erinnern Sie sich an die stille Minute der Gedankenbeobachtung? Da liefen die Gedanken einfach assoziativ hintereinander her, ohne aristotelische Logik. Sobald aber die Folien einmal in einer bestimmten Ordnung sind, behindern sie die natürliche Entwicklung Ihrer Gedanken. Sie sind im leidenschaftlichen Rednerflow und müssen wieder zurück ins Folienkorsett. So etwas tötet!

Requisiten

Je weniger Requisiten, desto besser. Sie wollen einen Dieb mit einem Messer darstellen? Sie können das Messer imaginär halten, Sie brauchen kein wirkliches Messer. Sobald Sie ein Requisit auf der Bühne verwenden, müssen Sie genau dort, wo es bereit liegt, zum richtigen Zeitpunkt stehen. Das besetzt Ihre Gedanken, die eigentlich im Redeflow sein sollten. Schauspieler proben das viele Male, bis sie nicht mehr daran denken müssen. Also: auch hier: weniger bringt mehr.

Technik

Je mehr Sie sich um Technik kümmern müssen, desto mehr zerstreut sich Ihr Redefokus. Ihr Redefluss wird andauernd unterbrochen von Gedanken wie: „Jetzt auf die Fernbedienung drücken“ oder „Jetzt die Musik einspielen“. Ganz abgesehen davon, dass technische Pannen immer wieder passieren.

Der Raum

Für den Raum sind zwei Sachen wichtig. Erstens, dass nichts Störendes herumsteht und zweitens, dass Sie den Raum mit Ihrer Präsenz in Besitz nehmen.

  1. Adaptieren Sie den Raum so, dass Sie sich wie zu Hause fühlen. Nehmen Sie alles wahr, was auf der Bühne steht oder hängt. Stellen Sie unnötige Tische, Stühle, Flipcharts etc. weg. Jeder Gegenstand, der unnütz herumsteht, beeinflusst Sie und zerstreut Ihren Redefokus.
  2. Die meisten Menschen betreten einen Raum und fühlen sich vorerst noch fremd. Sie sind im ersten Moment noch Beobachter und noch kein „Bewohner“ des Raumes. In vertrauten Räumen hingegen, die sie häufig benützen, machen sie Markierungen. Sie legen ihre persönlichen Sachen auf Tische, Sie greifen Dinge an – ohne dass Sie sich dessen bewusst sind.

Neben Visualisierungsübungen aus dem ostasiatischen Raum gibt es eine sehr praktische Methode, einen fremden Raum in Besitz zu nehmen. Gehen Sie in den noch leeren Raum hinein und greifen Sie mit den Händen alles an: Die Stühle, den Boden, die Wände, das Podest, die Türen. Sie bekommen so eine ganzkörperliche Wahrnehmung dieses Raumes und „markieren“ ihn dadurch als Ihr Territorium. Sie bewegen sich dann intuitiv in diesem Raum wie zu Hause. Ihr Kopf ist frei, um zu reden.

Wie wird man zum gelassenen Zen-Redner?

  1. Trainieren Sie im täglichen Leben, sich auf ein Ding zu konzentrieren. Es kann Meditation im Sitzen sein, es kann die Fünf Minuten Geh-Übung sein. Werden Sie sich Ihrer Gedanken gewahr, die Ihren Fokus zertreuen.

 

  1. Werden Sie vollkommen eins mit dem, was Sie sagen wollen. Sagen Sie nur das, was Sie wirklich denken. Nehmen Sie Beispiele aus Ihrem eigenen Leben.

 

  1. Weniger bringt mehr. Prüfen Sie in Ihrer Auftrittssituation, was Sie weglassen können. Lassen Sie sich nicht verleiten, Ihre Reden mit Requisiten und technischen Spielereien zu überfrachten.

 

Und das Wichtigste: Sie müssen nicht auf der Bühne herumhüpfen und Action machen: Wirken Sie durch Ihr Sein.

 

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