Zen Flesh – Zen Bones

Mein liebstes Zen-Buch misst 11,5 x 7,5 x 1,5 cm. Es hat beinahe 300 Seiten und enthält einige der wichtigsten Zen-Geschichten überhaupt. Dieses Buch passt in das Handyfach meiner Handtasche, und ich kann es überallhin mitnehmen und immer bei mir haben. Ich habe es nicht selbst entdeckt, es war ein Geschenk. Dieses Büchlein hat allerdings einen kleinen Nachteil: Es ist in englisch und es ist schwer zu bekommen. Meine Ausgabe – unter dem Titel „Zen Flesh – Zen Bones“ – kommt aus dem Shambhala Verlag, Boston & London, und datiert aus 1994. Ob die Originalausgabe von Tuttle, Japan 1957, ebenso handlich ist, weiß ich nicht.

Es scheint auch eine deutsche Ausgabe zu geben, und zwar im O.W. Barth Verlag aus dem Jahre 2008 unter dem Titel „Ohne Worte – Ohne Schweigen“, aber dafür würde ich ungesehen nicht meine Hand ins Feuer legen. Zen-Bücher haben nämlich die fatale Eigenschaft, dass ihre Qualität entscheidend vom Verständnis und vom spirituellen Hintergrund der Autoren, bzw. der Übersetzer abhängt, auch wenn es sich „bloss“ um eine Übersetzung alter Texte handelt. Und in dieser deutschen Ausgabe ist einer der Autoren, der mir wichtigste, verschwunden und statt dessen tritt als Übersetzerin vom Englischen ins Deutsche eine in der tibetischen Tradition wurzelnde Buddhistin auf. Da scheint mir aus Zen-Sicht Vorsicht geboten und ich möchte es nicht ungesehen weiterempfehlen.

Was steht da nun drin?

Am erstaunlichsten finde ich eine Sammlung von 112 kurzen Sentenzen, die angeblich aus einer Zeit vor rund 4000 Jahren herrühren, also lange vor Buddhas Lebzeit. Sie sind mir hier zum ersten Mal begegnet, und mancher dieser Sätze scheint wie aus dem Mund eines modernen Zen-Meisters – aber ich widerstehe der Versuchung, hier einen zu zitieren. Diese Sammlung stammt von Paul Reps, einem 1990 im Alter von 95 verstorbenen US-amerikanischen Poeten und Haiku-Verfasser, dem ein Mönch in Kaschmir diese Sammlung übergeben hat.

Paul Reps war Schüler von Nyogen Senzaki (1876-1958), einem Rinzai-Zen Meister, einer der Pioniere des Zen im Westen, speziell in den USA. Und genau diese Schülerschaft ist es vermutlich, die dieses Büchlein so wertvoll macht. Von einer der wichtigsten Zen-Schriften, dem „Torlosen Tor“ von Eikai, auch Mumon genannt, aus dem Jahr 1228 gibt es eine Unmenge von Ausgaben. Es ist eine Sammlung von 48 „zu erörtenden Geschichtchen“, die unter der Bezeichnung Zen-Koans bekannt sind. Sie wirken von nichts-sagend und banal bis zu verrückt und unverständlich, und Eikai, der Sammler und Überlieferer dieser Geschichten, versieht sie noch mit seinen Kommentaren, die bisweilen so wirken, als wollte er sich noch 800 Jahre später über einen lustig machen. Jede dieser Geschichten ist im Zen eine Aufgabe, die ein Lehrer einem Schüler stellt, so lange bis sich eine „Lösung“ auftut – und das kann Monate, Jahre und ein Leben lang dauern.

Aber im Laufe der Zeit, als ich verschiedene Ausgaben und Übersetzungen kennen lernte machte ich eine verblüffende Entdeckung. Die „Unverständlichkeit“ und „Verrücktheit“ dieser Koans hängt sehr stark von der Übertragung, und das heißt auch: vom persönlichen Verständnis des Verfassers ab! Manches „Nicht-zu-Verstehende“ ist offenkundig vor allem auf das „Nicht-Verstehen“ des Übertragenden zurückzuführen. Deshalb meine Vorsicht, wenn mich jemand nach einem „Zen-Buch“ fragt. Nyogen Senzaki hatte offenbar großes Verständnis, und er verstand es, dies auch seinem English-Native-Speaker zu übermitteln. Deshalb kann ich speziell diese Ausgabe des Mumonkan empfehlen. Und wer das Büchlein immer in der Tasche hat, dem scheint die Zeit in U-Bahn und Straßenbahn niemals eine verlorene; ein kurzer Blick hinein geht sich allemal aus.

Zuallerletzt: Auch die berühmte Ochsen-Geschichte  von Kakuan in 10 Kapiteln aus dem 12. Jahrhundert samt wunderschönen Holzschnitten ist enthalten sowie eine weitere Zusammenstellung von 101 kurzen Geschichten wie sie aus japanischen Zen-Tradition überliefert sind. 300 eng bedruckte Mini-Format Seiten für zwischendurch und für’s ganze Leben – Fleisch, Knochen und vielleicht auch noch das Mark.

Wie lange liest man da dran? Ein Leben lang.

Paul Matusek

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